Gegenwart//Krieg//Literatur

Abschlusstagung des GRK 2291 „Gegenwart/Literatur. Geschichte, Theorie und Praxeologie eines Verhältnisses“ 

Die Abschlusstagung des Graduiertenkollegs „Gegenwart/Literatur“ geht von der Überlegung aus, dass Kriege als historische Ereignisse nicht nur Zäsuren darstellen, sondern zugleich produktive Kräfte sind, die Konzepte von Gegenwart hervorbringen. In kriegerischen Situationen verdichtet sich Zeit zu einem radikalen „Jetzt“, das gleichermaßen von Vergangenheit durchzogen und auf Zukunft hin ausgerichtet ist. Diese besondere Form der Gegenwart bleibt nicht folgenlos, sondern wirkt tief in literarische Produktionsweisen und ästhetische Darstellungsverfahren hinein. So verändern Kriege die Bedingungen, unter denen Literatur entsteht – etwa durch Formen der Zensur, neue Medien, Infrastrukturen oder der politischen Mobilisierung. Gleichzeitig prägen sie die Art und Weise, wie Gegenwart literarisch gestaltet wird: Erzählformen reagieren auf Beschleunigung, Unterbrechung und Gleichzeitigkeit, entwickeln neue Perspektivierungen und erproben Verfahren, um extreme Erfahrungen darstellbar zu machen. Die Tagung untersucht diese Wechselwirkungen in historischer Breite und systematischer Perspektive. Sie fragt danach, wie Kriege literarische Formen transformieren und wie umgekehrt Literatur dazu beiträgt, Gegenwart im Zeichen des Krieges zu denken, zu strukturieren und zu hinterfragen. Im Zentrum steht somit ein dynamisches Verhältnis, in dem Krieg und Literatur gemeinsam an der Hervorbringung von Gegenwart beteiligt sind.

  • Das Verhältnis von Krieg, Gegenwart und Präsentismus
  • Krieg und (literarische) Kriegsdiskurse und ihre temporale Logik zwischen Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsbezügen
  • Integration/Desintegration von Heldenfiguren in Gesellschaften, das Ende des ‚postheroischen Zeitalters‘ (Herfried Münkler) und die Rekonfiguration literarischer Subjekte
  • Kriege und ihre literarischen Darstellungen/Reflexionen als Generatoren von Gegenwart
  • Der Krieg als Reflexionsmedium für multiperspektivisches bzw. panoramatisches Erzählen von Gegenwart
  • Kriege (oder ihr Ende) als literaturgeschichtliche Epochenmarker (z.B. 1914, Stunde Null, 11. September – oder gerade nicht: 1648, 1806, 1870)
  • Vergegenwärtigungs- und Überwältigungsformen (vergangener) Kriege: Gelegenheitslyrik, Film/Sound, Re-Enactments
  • (und umgekehrt): Literarische/Ästhesche Formen als Formierungskräfte des Krieges
  • Literarische Verfahren der Vergegenwärtigung durch Verknüpfung von zeitlichen und räumlichen ‚Gegenwarten‘
  • Nahe versus ferne Kriege und die literarische/ästhetische Reflexion ihrer Gleichzeitigkeit
  • Krieg und Literatur als Generatoren symbolischer Räumlichkeiten, Grenzen und Grenzüberschreitungen und von (literarischen und ästhetischen) Zeit- und Raumrepräsentationen.
  • Literaturproduktion und -distrubition im und für den Krieg
  • Kommunikationstechnik und Infrastruktur als Bedingungen und Motoren von (literarischer) Öffentlichkeit
  • Kriege und Sprachkriege und ihr Verhältnis zur Produktion von Literatur (Dialekte, Regionalsprachen, Nationalsprachen, Übersetzungen etc.)
  • Literarische Affirmation/Subersion in Zeiten des Krieges
  • Becker, Frank: Fontane im Felde – und im Kontext der Kriegsberichterstattung seiner Zeit: Reisen, Medien, Deutungen, in: Fontane Blätter 112 (2021), S. 22-36.
  • Birgfeld, Johannes: Krieg und Aufklärung. Studien zum Kriegsdiskurs in der deutschsprachigen Literatur des 18. Jahrhunderts. 2 Bde. Hannover: Wehrhahn 2012.
  • Bowen, Claire/Catherine Hoffmann: Representing wars from 1860 to the present fields of action, fields of vision, Leiden: Brill 2018 (Textxet: Studies in Comparative Literature, Bd. 85).
  • Brehl, Medardus: „Gefallen gegen die Gegenwart“. (Anti-)Modernismus, politische Abgrenzungen und alte Feinde in politischen Zukunftsromanen des Jahres 1924. In: Zukunftsromane der Zwischenkriegszeit. Hg. von Kristin Platt und Monika Schmitz-Emans. Berlin/Boston: de Gruyter 2022, S. 89-122.
  • Corbineau-Hoffmann, Angelika: Erinnerung in extremis oder: Die Schreibweisen des Entsetzens. Reflexionen über Krieg und Kunst. In: Thomas Klinkert/Günter Oesterle [Hrsg.]: Katastrophe und Gedächtnis, Berlin/Boston: De Gruyter 2014, S. 120–147.
  • Dainat, Holger: »Der Siebenjährige Krieg in den Medien«, in: Wolfgang Adam/Holger Dainat (Hg.): »Krieg ist mein Lied«. Der Siebenjährige Krieg in den zeitgenössischen Medien, Göttngen: Wallstein 2007, S. 9–26.
  • Didczuneit, Veit/Jens Ebert/Thomas Jander [Hrsg.]: Schreiben im Krieg. Schreiben vom Krieg – Feldpost im Zeitalter der Weltkriege, Essen: Klartext Verlag 2011.
  • Egyptien, Jürgen [Hrsg.]: Erinnerung in Text und Bild. Zur Darstellbarkeit von Krieg und Holocaust im literarischen und filmischen Schaffen in Deutschland und Polen, Berlin: Akademie Verlag GmbH 2012.
  • Engberg-Pedersen, Anders/Neil Ramsey: War and Literary Studies, Cambridge: Cambridge University Press 2023.
  • Fauth, Søren R./Kasper Green Krejberg/Jan Süselbeck [Hrsg.]: Repräsentationen des Krieges. Emotionalisierungsstrategien in der Literatur und in den audiovisuellen Medien vom 18. bis zum 21. Jahrhundert, Göttngen: Wallstein Verlag 2012.
  • Favret, Mary A: War at a Distance: Romanticism and the Making of Modern Wartime, Princeton: Princeton University Press 2009.
  • Freise, Matthias/Karsten Dahlmanns/Grzegorz Kowal: Krieg in der Literatur, Literatur im Krieg, Göttngen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020.
  • Hannig, Alma/Christian Meierhofer/Georg Mölich (Hg.): 1870/71. Der Deutsch-Französische Krieg in transnationaler, regionaler und interdisziplinärer Perspektive, Göttngen: Vandenhoeck & Ruprecht 2024.
  • Hartog, François: Regimes of Historicity. Presentism and Experiences of Time, translated by Saskia Brown, New York: Columbia University Press 2015.
  • Hildebrandt, Annika: Die Mobilisierung der Poesie. Literatur und Krieg um 1750. Berlin/Boston 2019.
  • Kaminski, Nikolai: 25. Oktober 1813 oder Journalliterarische Produktion von Gegenwart, mit einem Ausflug zum 6. Juli 1724. In: Stefan Geyer / Johannes F. Lehmann (Hg.): Aktualität. Zur Geschichte literarischer Gegenwartsbezüge vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Hannover: Wehrhahn 2018, S. 241-270
  • Kittler, Friedrich: „Lightning and Series – Event and Thunder“, in: Theory, culture and society, Vol. 23, No. 7 (2006), S. 63–74.
  • Kittler, Friedrich: Grammophon, Film, Typewriter, Berlin: Brinkmann und Bose 1986.
  • Meierhofer, Christian/Jens Wörner (Hg.): Materialschlachten. Der Erste Weltkrieg und seine Darstellungsressourcen in Literatur, Publizistik und populären Medien 1899–1929. Göttngen: Universitätsverlag Osnabrück bei V&R unipress 2015.
  • Pias, Claus: Abwehr: Modelle – Strategien – Medien, Bielefeld: Transcript 2015.
  • Preußer, Heinz-Peter [Hrsg.]: Krieg in den Medien, Amsterdam/New York: Brill 2005 (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, Bd. 57).
  • Ruske, Norbert: Szenische Realität und historische Wirklichkeit. Eine Untersuchung zu Karl Kraus: „Die letzten Tage der Menschheit“, Frankfurt/Main: Fischer 1981.
  • Salewski, Michael: Von der Wirklichkeit des Krieges. Analysen und Kontroversen zu Buchheims ‚Boot‘, München: dtv 1976.
  • Schneider, Thomas F.: „Endlich die Wahrheit über den Krieg. Zu deutscher Kriegsliteratur“, in: TEXT+KRITIK. Zeitschrift für Literatur. Literaten im Krieg, Bd. 124 (1994), S. 38–51.
  • Schwarzer, Stephanie: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Ästhetisierung kriegerischer Ereignisse in der Frühen Neuzeit. München: Peter Lang 2006.
  • Virilio, Paul: Information und Apokalypse. Die Strategie der Täuschung, München: Hanser Literaturverlage 2000.
  • Virilio, Paul: Krieg und Kino. Logistik der Wahrnehmung, Frankfurt/Main: Fischer, 1991.
  • Wawro, Geoffrey.: Warfare and Society in Europe, 1792-1914. London, New York: Routledge 2000.
  • Weidmann, Julia: Kontinuum der Kriege. Intergenerationelles Erzählen der Weltkriege in der französischen Gegenwartsliteratur, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2025.
  • Willeke, Stephanie: Grenzfall Krieg: Zur Darstellung der neuen Kriege nach 9/11 in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Bielefeld: Transcript Verlag 2018.
  • Winter, Jay: Sites of Memory, Sites of Mourning: The Great War in European Cultural History, Cambridge: Cambridge University Press 1995.

Infobox

Donnerstag, 09. Juli 2026
ab 17 Uhr
Kapitelsaal St. Remigius / Brüdergasse 8

Freitag, 10. Juli 2026
ab 9:30 Uhr
Kapitelsaal St. Remigius / Brüdergasse 8

Samstag, 11. Juli 2026
ab 9:30 Uhr
Kapitelsaal St. Remigius / Brüdergasse 8

Organisation
Christopher Busch, Alexander Kling, Johannes Lehmann, Bettina Schlüter und Kerstin Stüssel.

18:00 Uhr, Kapitelsaal St. Remigius

Literaturbetrieb in einer Gegenwart der Kriege

Mit Nora Mengel (internationales literaturfestival berlin), Rainer Osnowski (lit.COLOGNE), Svenja Reiner (INSERT FEMALE ARTIST) und Julia Wessel (Wuppertaler Literatur Biennale)

Moderationa: Christopher Busch und Leandra Ossege

18:00 Uhr, Kapitelsaal St. Remigius

Live-Podcast mit Stefan Geyer und Dana Steglich

"Erich Maria Remarques Antikriegsroman Im Westen nichts Neues"

Die ewige Liste ist ein Podcast über all die Bücher, die man 'gelesen haben sollte'. Dana Steglich und Stefan Geyer, zwei Literatuwissenschaftler*innen, Lehrpersonen und passionierte Leser*innen, diskutieren über kanonisierte Texte, die ihnen das Gefühl geben, sie kennen zu müssen. Folge für Folge arbeiten die beiden Hosts - gelegentlich unterstützt von Gästen - so die 'ewige Liste' ab und fragen sich, ob bzw. warum man den jeweiligen Text (noch) lesen sollte, was daran spannend ist und wem sie den Text empfehlen würden.

Ablauf/Programm

17.00-17.30 Uhr: Registrierung

17:15 Uhr: Grußworte 

Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Hoch, Rektor der Universität Bonn

Prof. Dr. Stephan Conermann, Dekan der Philosophischen Fakultät

17.30-18.00 Uhr: Einführung: Johannes Lehmann und Kerstin Stüssel

18.00-19.30 Uhr: Podiumsdiskussion: Literaturbetrieb in einer Gegenwart der Kriege

Anschließend Abendessen

09.30-10.15 Uhr: Paul Labelle: Fortunas Cyborg Gegenwart. Virtù und die Artillerie in Machiavellis Discorsi

10.15-11.00 Uhr: Karin Peters: Imperiale Subjektivität in Tunis, Trapani und Regensburg: Zum Feldlager in Garcilaso de la Vegas Renaissancepoetik

11.00-11.30 Uhr: Kaffeepause

11.30-12.15 Uhr: Christian Meierhofer: Dicht- aus Kriegskunst. Agonale Bedingungen von Gegenwart/Lyrik im 17. Jahrhundert

12.15-13.00 Uhr: Christian Moser: Kriegsrecht und die radikale Gegenwart des Krieges: Kleists Prinz Friedrich von Homburg und Melvilles Billy Budd im Vergleich

13.00-14.00 Uhr: Mittagspause

14.00-14.45 Uhr: Andrea Polaschegg: Schlachtfeld-Schau. Gegenwartsästhetik und Zukunftspolitik in Kriegsvisionen 1800–1900

14.45-15.30 Uhr: Sabine Mainberger: Den Krieg vergegenwärtigen. Balzac – Tolstoi – Minard

15.30-16.00 Uhr: Kaffeepause

16.00-16.45 Uhr: Martin Schneider: Kriegsgeschichte als Kriegsgegenwart? Paradoxien realistischer Kriegserzählungen in literarischen Zeitschriften zur Zeit der „Einigungskriege“

16.45-17.30 Uhr: Lily Tonger-Erk: „Diese Blätter, die ich mit meinen Kriegseindrücken fülle“. Mediale Vergegenwärtigungsstrategien in Bertha von Suttners Die Waffen nieder!

17.30-18.00 Uhr: Kaffeepause/Umbau

18.00-18.45 Uhr: Podcast: Erich Maria Remarques Antikriegsroman Im Westen nichts Neues

Anschließend Abendessen

09.30-10.15 Uhr: Conrad Fischer: „Die Welt hat eine neue Uhr bekommen, die heißt Krieg“. Zur Frequenz des Erzählens von Kriegszeiten in Harbous Der unsterbliche Acker und Jüngers In Stahlgewittern

10.15-11.00 Uhr: Lea Iser und Philip Iser: Krieg und Gegenwart. Narratologische Überlegungen zu einem Verhältnis in Alfred Döblins Wallenstein (1920), Edlef Köppens Heeresbericht (1930) und Theodor Pliviers Stalingrad (1943/44)

11.00-11.15 Uhr: Kaffeepause

11.15-12.00 Uhr: Tobias Jennewein: „Die Natur allein macht Helden” - Zur Zeitstruktur einer gefährlichen Idee in J.M.R. Lenz' Reformschrift Über die Soldatenehen

12.00-12.45 Uhr: Bettina Schlüter: Zeit: gestern, heute und morgen – Bernd Alois Zimmermanns Die Soldaten

12.45-13.45 Uhr Mittagspause

13.45-14.30 Uhr: Carsten Rommel: Gebundene Körper. Praktiken der Selbstbindung des Kriegsheimkehrers

14.30-15.15 Uhr: Kerstin Stüssel: ‚Wie isses nun bloß möglich‘. Der zweite Weltkrieg in westdeutschen Erfolgsromanen der 1970er Jahre

15.15-15.45 Uhr Kaffeepause

15.45-16.30 Uhr: Michael Neumann: „… die Vision einer neuen Welt“. Zur historischen Vergegenwärtigung des Bauernkriegs

16.30-17.00 Uhr: Abschlussdiskussion

17.00-18.30 Uhr: Pause und Umbau

Ab 18.30 Uhr: Abschlussfeier mit Rahmenprogramm, Getränken und Fingerfood

Film- und Fotohinweis

Das Graduiertenkolleg lässt im Rahmen der Veranstaltung ggf. Fotos und Tonaufnahmen anfertigen, die im Rahmen seiner Öffentlichkeitsarbeit im Internet, in Printmedien und auf Social Media-Kanälen veröffentlicht werden. Mit der Teilnahme an der Veranstaltung erklären sich die Teilnehmer*innen mit den Foto- und Tonaufnahmen sowie deren Speicherung und Veröffentlichung einverstanden. Bitte sprechen Sie unsere Fotograf*innen und Organisator*innen vor Ort an, falls Sie nicht fotografiert oder aufgenommen werden möchten.

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