Politische Lektüren der hybriden Gattung
Workshop
Das Hybrid – eine Entlehnung aus der Biologie – bezeichnet ein „durch Kreuzung entstandenes Wesen“ (Seebold 2012, S. 433). Diente der Begriff im 19. Jahrhundert noch zur Stützung kolonialrassistischer Diskurse, verlor er im deutschsprachigen Raum um die letzte Jahrtausendwende seine negative Konnotation und wich einem positiv besetzten Produktionsversprechen (Ha 2005). Zum Modewort mit politischem Impetus avanciert, suggeriert das Hybride, durch „nicht festlegbare in between-Kategorien hegemoniale Konzepte und gesellschaftliche Machtverhältnisse zu hinterfragen und zu destabilisieren“ (ebd., S. 16). Seither haben die Geisteswissenschaften das Hybrid als Allegorie sozialer Prozesse mit Begriffen wie „Kreolisierung“ (Hannerz), „Bastardisierung“ (Rushdie) „Transkulturation“ (Pratt), „Third Space“ (Bhabha), „Interkultur“ (Auernheimer) u.a. theoretisiert (ebd.).
Auch in Lateinamerika ist das Hybrid kulturtheoretisch kontrovers diskutiert worden. Néstor García Canclini hat in den 1990er Jahren mit dem Begriff der hibridación versucht, die Prozesse gesellschaftlicher Verflechtungen in der Moderne zu umschreiben. Diesen Hybriditätsbegriff wiederum kritisierte zuletzt Silvia Rivera Cusicanqui, die ihm vorwirft, in biologistischer Manier eine Synthese in Form eines harmonischen Dritten zu beschwören. Sie postuliert deshalb einen in andinen Epistemologien verorteten Gegenentwurf, der den Konfliktcharakter der Unterschiede nicht nivelliert, sondern bewahrt: Ch’ixi beschreibt aus dekolonialer Perspektive deshalb weniger die durch Mischung ‚neu‘ entstandene Einheit der Gesellschaft, sondern „the parallel coexistence of multiple cultural differences that do not extinguish but instead antagonize and complement each other“ (Rivera Cusicanqui 2012, S. 105).
Dass die Literaturwissenschaft das Hybrid als Analysekategorie heranzieht, erscheint vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskurse kaum verwunderlich. Auch in der Gattungsfrage steht sie zunächst vor der formalen Herausforderung, dass sich hybride Gattungen seit jeher einer klaren Zuordnung zu architextuellen Kategorien entziehen. Gleichwohl sind zahlreiche zwittrige Formen entstanden (und entstehen weiterhin): vom Lehrgedicht über die Tragikomödie, das Prosagedicht, die crónica urbana und das testimonio bis hin zur Graphic Novel. So verschieden diese Formen auch sein mögen, sie kombinieren allesamt Elemente unterschiedlicher, nicht selten konträrer Texttraditionen. Ihre genuine Form der Kreuzung wurde deshalb unter einer Vielzahl an Tropen zu fassen versucht, die das Dazwischen betonen: Schnabeltier, Chamäleon, Amalgam, Hybrid, etc.
Bruno Latour argumentiert in seinem Essay Nous n’avons jamais été modernes, dass das Denken in der Moderne durch die ihr zugrunde liegende Dichotomie von Kultur und Natur Hybride überhaupt erst erzeugt. Demzufolge wäre Hybridität kein ontologischer Zustand, sondern ein Effekt der modernen Wissensproduktion. Kurzum: Die Irritation, die das Hybrid hervorruft, ist seit der Moderne als Symptom der Logik der Trennung zu verstehen (Latour 1994). Unter Bezugnahme auf Latours Thesen demonstriert Ramunė Markevičiūtė am Beispiel des Lehrgedichts, dass sich im Europa der Frühen Neuzeit verschiedene Wissenstraditionen miteinander vernetzt haben und daher die Gattung als epistemische Ressource aufzufassen ist (2025).
Insbesondere marxistische Theorien haben die literarische Form in einen sozio-historischen Bezugsrahmen gerückt (Lukács, Adorno und Rancière). Nicht selten entstanden daraus, gerade im postkolonialen Kontext, Lektüren des Third Space, die sich dem Ausdruck marginalisierter Stimmen verschreiben. Fernab der affirmativen Lesart lassen sich jedoch zugleich auch negativistische Lektüren ausmachen, die das Hybrid als falsche Aufhebung im Sinne der strategy of containment Fredric Jamesons verstehen – die Form wird zum Scheinkompromiss, schließlich entrinnt auch die Hybridität der Ideologie nicht.
Hybride Gattungen stiften nach wie vor Unruhe. Die literaturwissenschaftliche Forschung steht immer wieder vor dem Problem, „trotz der Heterogenität der Texte stilistische Archetypen für Kanon- und Gattungsregeln zu erstellen“ (Borsò 1994, S. 285). So tendiert sie beispielsweise dazu, das poème en prose sowohl als (poetische) Prosa als auch als (prosaische) Poesie zu beschreiben (Illouz / Neefs 2002, S. 8). Gleiches lässt sich mit Blick auf die mexikanische crónica konstatieren, die entweder als historiografischer oder literarischer Text begriffen wird (Borsò 1994). Erst mit der Akzeptanz als hybride Form lässt sich diese Aporie überwinden und überdies die Stärke zwischen den Kategorien hervorkehren. Indem die crónica – dank ihres hybriden Charakters – gleichermaßen im historischen, publizistischen und literarischen Feld wirkt, offenbart sie ihr Potenzial, das sie laut Vittoria Borsò zu einer „Kultur ohne Gattungs- und Klassengrenzen“ (1994, S. 282) avancieren lässt.
Welche Konsequenzen hat es nun für die Literaturwissenschaft, wenn das Hybrid nicht nur zur Allegorie für Gesellschaft, sondern auch für literarische Gattungen wird? Welches (politische) Begehren wird auf Textgattungen projiziert, wenn die Charakterzüge des Hybrids – Gleichzeitigkeit, Antagonismus und Unvereinbarkeit – auch für die Konstitution von Texten geltend gemacht werden? Lässt sich die literarische Kategorisierung als Hybrid (sowie die daraus resultierenden Interpretationen) nach der kontroversen Diskussion um den Begriff der Hybridität gar als ideologischer Akt begreifen?
Unser Workshop ist diesen soziohistorischen Lesarten hybrider Formen gewidmet. Gemeinsam wollen wir die politischen, sozialen und ästhetischen Dimensionen hybrider Gattungen für die Literaturwissenschaft ausloten und die zwittrigen Formen zwischen Potential und Projektion kritisch verorten. Der Workshop versteht sich selbst als Hybrid, insofern europäische und lateinamerikanische Denktraditionen sowie literaturwissenschaftliche Ansätze unterschiedlicher Disziplinen in Austausch treten. Wir laden dazu ein, über die bislang oft unterrepräsentierten, jedoch historisch aufgeladenen literarischen Amalgame ins Gespräch zu kommen und sich im Rahmen dessen mit folgenden Themen und Annäherungspunkten auseinanderzusetzen:
- Welches politische Potenzial trägt eine Ästhetik des Dazwischen?
- Inwiefern führt die Allegorie des Hybriden ein politisches Begehren in die traditionelle Literaturwissenschaft ein?
- Welche Wechselwirkungen lassen sich zwischen hybriden Textformen und heterogenen Gesellschaften, zwischen literarischen Kategorien und politischem Wandel ausmachen?
- Inwiefern lässt sich die hybride Form (und ihre zeitgenössische Interpretation) selbst historisieren?
- In welchem Verhältnis steht das Partikulare der hybriden Form zu seinem Allgemeinen? Lassen sich Forschungsergebnisse zu diversen hybriden Formen zu einer literarischen Theorie des Hybriden verallgemeinern?
- Wenn Michail Bachtin den Roman auf textueller Ebene in seiner sprachlichen Hybridisierung analysiert: Wo fängt literarische Hybridisierung an, wo hört sie auf?
Ablauf/Programm
16:00-16:30 Inés Noé (Bonn) und Leon Schött (Mainz): Begrüßung und thematische Einführung.
16:30-18:00 Benjamin Loy (München): ‚Schreiben mit dem, was da ist‘ – zur Ästhetik und Politik literarischer Post-Autonomie in hybriden Gattungen
18:00-18:40 Plenumsdiskussion der Theorietexte
19:30 Gemeinsames Abendessen
09:00 – 10:30 Vittoria Borsò (Düsseldorf): Die Politik der Ästhetik im Dazwischen der Gattungen: Poèmes en prose, Crónicas, Escritura fragmentaria.
10:30 – 11:00 Kaffeepause
11:00 – 11:40 Andreas Wintersperger (Stuttgart): »What lies between the arts is theater«. Hybridität als Erfahrung eines Untergangs.
11:40 – 12:20 Ramunė Markevičiūtė (Berlin): Das Schaffen hybrider Gemeinschaften. Ökopoetisches Schreiben als dekoloniale Strategie in der romantischen Geschichtsschreibung Litauens.
12:20 – 14:00 Mittagspause
14:00 – 14:40 Inés Noé (Bonn): »Les falta biografía y calle a esa tropa de cronistas del beau monde« – Kontinuität und Wandel einer hybriden Gattung.
14:40 – 15:20 Franziska Teubert (Berlin): Die Republik unterm Strich. Nachruf – Interview – Reportage zwischen Hybridität und Akkulturation.
15:20 – 15:50 Kaffeepause
15:50 – 16:30 Leon Schött (Mainz): Ein unsteter Parasit. Das poème en prose bei Charles Baudelaire und Michel Houellebecq.
16:30 – 17:10 Bastian Piejko (Mainz): Politisch-ästhetisches Dazwischen: Literatur als »Kampf mit der Konstruktion der Welt«?
17:10 – 18:00 Plenumsdiskussion und Zwischenfazit
19:30 Gemeinsames Abendessen
09:00 – 09:40 Kristina Petzold (Leipzig): Netzbasierte Adaptionen als hybride Gattungen: Stilkonventionen und politische Lektüren auf TikTok- und Instagram.
09:40 – 10:20 Max Roehl (Tübingen): Von Panthern und Prothesen. Groteske Figuren und die Aufhebung der Ordnung in Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie Der Besuch der alten Dame.
10:20 – 10:50 Kaffeepause
10:50 – 11:30 Walter Schilling (Lausanne): Hybridität als Funktionswandel der Kunst. Das dadaistische Manifest in der Zeitschrift Dada.
11:30 – 12:10 Jakob-Michael Stephan (Jena): Eine demokratisierte Poesie – Über die Politisierbarkeit radikaler Hybridität am Beispiel der frühromantischen Komödienästhetik.
12:10 – 13:00 Abschlussdiskussion und Fazit
13:00 – 14:00 Mittagspause
Infobox
Mittwoch, 04. März 2026
16:00-19:00
Dekanatssaal, Rabinstr. 8, 53113 Bonn
Donnerstag, 05. März 2026
09:00-18:00
Dekanatssaal, Rabinstr. 8, 53113 Bonn
Freitag, 06. März 2026
09:00-14:00
Dekanatssaal, Rabinstr. 8, 53113 Bonn
Organisation
Inés Noé (Bonn) und Leon Schött (Mainz)
Film- und Fotohinweis
Das Graduiertenkolleg lässt im Rahmen der Veranstaltung ggf. Fotos und Tonaufnahmen anfertigen, die im Rahmen seiner Öffentlichkeitsarbeit im Internet, in Printmedien und auf Social Media-Kanälen veröffentlicht werden. Mit der Teilnahme an der Veranstaltung erklären sich die Teilnehmer*innen mit den Foto- und Tonaufnahmen sowie deren Speicherung und Veröffentlichung einverstanden. Bitte sprechen Sie unsere Fotograf*innen und Organisator*innen vor Ort an, falls Sie nicht fotografiert oder aufgenommen werden möchten.