Zur Sprache bringen. Wie oder: Wenn Literatur Gehör verschafft wird
Workshop des GRK 2291 Gegenwart/Literatur
Das Vorlesen verbindet schriftliche Fixierung mit oraler Performanz. Je nach Situation manifestiert es sich als private oder als öffentliche Praxis, die sich vom stillen Lesen unterscheidet, und in der gezielt eingesetzte Stimmeffekte wie Artikulation, Sprechmelodie oder Rhythmus wirksam werden. Auch in der digitalen und mobil vernetzten Gegenwart ist die Begeisterung fürs Vorlesen und Vorgelesen-Bekommen ungebrochen: Literaturfestivals zeigen diesen Zeitgeist ebenso wie Streamingdienste à la BookBeat.
In unserem Workshop möchten wir die verschiedenen Praktiken, Kontexte und Bedingungen des Zur-Sprache-Bringens von Literatur anhand der drei Gegenstandsbereiche „Hörbuch“, „(Digital) Oral Poetry“, „Autor:innenlesungen/Performances“ interdisziplinär beleuchten. Dabei werden wir uns insbesondere auf das Verhältnis von Stimme, Körper und Text fokussieren: Mit dem Hörbuch wird zunächst eine Form des Vorlesens in den Blick genommen, die sich durch eine körperliche Abwesenheit der stimmgebenden Instanz im Moment der Rezeption auszeichnet. Im Gegensatz dazu spielt die körperliche Anwesenheit der Vorlesenden im Kontext öffentlicher (Autorinnen-)Lesungen, Performances und anderer Literaturevents eine wesentliche Rolle. Das gilt in besonderem Maße, wenn Texte ganz ohne Einsatz der Stimme, etwa in Gebärdensprache vermittelt werden. (Digital) Oral Poetry kann wiederum sowohl An- als auch Abwesenheit des Körpers bedeuten: Mit Blick auf avancierte Formate wie das auditive Literaturmagazin Stoff aus Luft möchten wir nach den poetologischen Besonderheiten von Texten fragen, die primär fürs Vorlesen bzw. Hören geschrieben wurden.
Gemeinsam mit Literaturwissenschaftler:innen und Akteur:innen aus dem Literaturbetrieb laden wir herzlich dazu ein, die unterschiedlichen Formen des Zur-Sprache-Bringens von Literatur anhand folgender Leitfragen zu diskutieren:
- Welche Stellenwerte, Rollen und Funktionen kommen Stimme, Körper und Text in den verschiedenen Formaten zu?
- Wie wirkt sich ihre jeweilige Dynamik auf die Gestaltung und schließlich auf die individuelle Rezeptionssituation eines zu Gehör gebrachten Textes aus?
- In welchem Verhältnis stehen der Text (in seiner jeweiligen Form), die vortragende Person (bzw. ihr Körper und/oder ihre Stimme) und die Rezipient:innen zueinander? Welche Formen von Nähe, Distanz und Ko-Präsenz entstehen in den unterschiedlichen Rezeptionssituationen?
- Inwiefern werden diese Aspekte durch technische Entwicklungen, etwa digitale Verfügbarkeit oder KI-basierte Generierung von Inhalten, beeinflusst?
Am Abend des ersten Workshop-Tages findet in Kooperation mit dem litterarium (Uni Bonn) eine öffentliche Performance der Autorinnen Tanasgol Sabbagh und Josefine Berkholz in der Schlosskirche in Bonn statt. Wir freuen uns über alle Zuhörenden!
Wir bitten um vorherige Anmeldung für alle Interessierten, die am Workshop teilnehmen und auf die Materialien zugreifen möchten, unter: grk2291@uni-bonn.de
Infobox
Dienstag, 02. Juni 2026
14:30-17:00 Uhr
IMPULSE-Haus (Adenauerallee 131, 53113 Bonn)
Abendveranstaltung
19:30 Uhr, Schlosskirche, Am Hof 1, 53113 Bonn
Mittwoch, 03. Juni 2026
10:00-15:30 Uhr
IMPULSE-Haus (Adenauerallee 131, 53113 Bonn)
Organisation
Annig Held und Leandra Ossege
Ablauf/Programm
14:30 Uhr Soft Opening
14:45 Uhr Begrüßung
Sektion 1: (Digital) Oral Poetry
15:00 – 15:45 Uhr Vadim Keylin (Uni Hamburg): „Digital Oral Poetry: Stimme und Subjektivität in der algorithmischen Kultur“
15:45 – 17:00 Uhr Tanasgol Sabbagh & Josefine Berkholz (Autorinnen, Herausgeberinnen Stoff aus Luft)
17:00 – ca. 19:00 Uhr Pause, gemeinsames Abendessen
19:30 Uhr Abendveranstaltung: „Dieser Mund trocknet mit der Zeit“ | Spoken-Word-Performance von Tanasgol Sabbagh & Josefine Berkholz in der Schlosskirche (An d. Schloßkirche 4, 53113 Bonn) – Kooperation mit dem litterarium der Uni Bonn
Sektion 2: Hörbuch
10:00 – 10:45 Uhr Natalie Binczek (Uni Bochum): „The networked book. Maren Kames’ Halb Taube Halb Pfau“
10:45 – 12:00 Uhr Karla Kordt (Hörbuchlektorin tacheles!-Verlag) & Julian Horeyseck (Hörbuchsprecher): „Wie kommt der Text zur Stimme? Ein Austausch über die Hörbuchproduktion Don’t Let Me Go“
12:00 – 13:30 Uhr Mittagspause
Sektion 3: Autor:innenlesungen / Performances
13:30 – 14:15 Uhr Harun Maye (Uni Basel): „Die Stimme als Medium des Vortrags“
14:15 – 15:00 Uhr Franziska Winkler (Kuratorin poesie handverlesen)
15:00 - 15:30 Uhr Abschlussdiskussion
Film- und Fotohinweis
Das Graduiertenkolleg lässt im Rahmen der Veranstaltung ggf. Fotos und Tonaufnahmen anfertigen, die im Rahmen seiner Öffentlichkeitsarbeit im Internet, in Printmedien und auf Social Media-Kanälen veröffentlicht werden. Mit der Teilnahme an der Veranstaltung erklären sich die Teilnehmer*innen mit den Foto- und Tonaufnahmen sowie deren Speicherung und Veröffentlichung einverstanden. Bitte sprechen Sie unsere Fotograf*innen und Organisator*innen vor Ort an, falls Sie nicht fotografiert oder aufgenommen werden möchten.